Tim Wagner

Mit Jazoo Yang (Berlin), Matthias Jung (Erftstadt), Pietro Viti (Florenz) und Tim Wagner (Hannover)

Kaum ein Bundesland ist so mit der Kohleförderung verbunden wie Nordrhein-Westfalen. Das Ruhrgebiet war lange Zeit unter dem Namen „Kohlenpott“ bekannt und im Herzen von NRW liegt das rheinische Braunkohlegebiet, das zu den Größten Europas gehört. Hier betreibt RWE, das zweitgrößte deutsche Energieunternehmen, drei riesige Braunkohle-Tagebaue und vier Kraftwerke, die seit Jahrzehnten die Landschaft und die Sozialstruktur in dieser Region verändern: Seitdem sind dutzende Dörfer und Kleinstädte in riesigen Löchern verschwunden. Über 40.000 Menschen sind in Neuorte umgesiedelt worden oder haben ihre Heimatregion ganz verlassen. Von dem mehr als 4000 Hektar großen Waldgebiet zwischen Aachen und Köln, ist heute nur noch ein verschwindend kleiner Rest übrig. Als dieser auch noch gerodet und abgebaggert werden soll, mobilisieren sich immer mehr Menschen und Aktivisten und kämpfen für den Erhalt des Waldes. Internationale Aufmerksamkeit erlangte die Bewegung spätestens seit 2018, die unter dem Titel „Hambacher Forst“ weltweit zum Symbol des Klimaschutzes wird.

Die interdisziplinäre Ausstellung „Zwei Grad Plus“ nimmt ausgehend von lokalen Zusammenhängen rund um den „Hambacher Forst“ die globale Dimension des Klimawandels in den Blick. Bewusst wurden auch Künstler*innen eingeladen, die nicht aus NRW kommen, um begreifbar zu machen, wie transnational der Klimawandel auf die globale Bevölkerung wirkt. Die fotografischen und installativen Arbeiten sind forschende Ansätze, die hinterfragen und mit ästhetischen Mitteln die unterschiedlichsten Aspekte der Kohleförderung sowie die Auswirkungen auf die Umwelt beleuchten. Die künstlerischen Werke sind auch eine Verdichtung des Themas, in dem sie einen fokussierten Blick außerhalb massenmedialer Bilderwelten ermöglichen. Eine parallel zur gesamten Ausstellungszeit eingerichtet Druckwerksatt steht zur aktiven Teilnahme allen Besucher*innen zur Verfügung. Hier kann aus einem reichen Fundus an Bildern und Texten, angeleitet oder auch frei, jede*r Besucher*in ein eigenes Zine produzieren.

Die Druckwerkstatt ist Teil der Ausstellung. Materialien, wie Texte und Informationen zu den Künstler*innen, Fotokopien der Arbeiten oder Recherchedokumentationen stehen den Besucher*innen für die Gestaltung ihres eigenen Ausstellungs-Zines zur Verfügung. Das Material greift dabei bewusst die Ästhetik von Protestplakaten, Flyern oder Informationsblättern auf und nimmt somit auch Bezug auf aktivistische Ausdrucksformen.

Die Ausstellung ZWEI GRAD PLUS wird ermöglicht durch die Förderung der Stadt Köln, der Bezirksvertretung Ehrenfeld, der Immhoff Stiftung, der Beatrix Lichtken Stiftung, der BürgerStiftung Ehrenfeld sowie durch das Italienische Kulturinstitut Köln.

Jazoo Yang ist eine koreanische Mixed-Media-Künstlerin mit Sitz in Berlin. In ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sich Yang oft mit dem Verschwinden, vor allem mit dem Verschwinden ganzer Stadtviertel, die der Gentrifizierung zum Opfer fallen. Ihre „Materialserien" sind eine Verschmelzung des Verschiedenen, des Fernen und des Missachteten. Sie bestehen aus den verlorenen Fragmenten des städtischen Lebens - Putzstücke der Außenwände eines Gebäudes, Tapetenreste eines Innenraums, die Überreste antiker Fliesen. All diese losen Fragmente verlorenen gegangener Orte, fügt Yang in künstlerisch-poetische Kompositionen zusammen, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verschmelzen lassen.
Für die Ausstellung „Zwei Grad Plus“ befasst sich Yang erstmalig mit dem Verschwinden ganzer Wald- und Naturflächen und begibt sich auf eine Spurensuche in das Gebiet rund um den Tagebau Hambach.

Pietro Viti, Jahrgang 1991, lebt und arbeitet in Florenz. Er erkundet Kohletagebaue in Italien, Deutschland, Großbritannien und anderen europäischen Ländern. Er stellt die Frage nach geopolitischen Zusammenhängen und versucht die Auswirkungen der ständigen Präsenz der Kohleförderung zu verstehen, die sie auf Landschaft und Umwelt und das Leben in den jeweiligen Gebieten hat.
Pietro Viti erhält 2015 seinen Abschluss an der Studio Marangoni Foundation in Florenz. Dokumentarfotografie und Multimedia-Journalismus, insbesondere zu sozialen und ökologischen Themen, sind seine Arbeitsschwerpunkte. „The Coal File“ ist der Titel seiner Langzeitbeobachtung der europäischen Kohletagebaue.

Tim Wagner arbeitet als freiberuflicher Fotojournalist und studiert in Hannover Fotojournalismus und Dokumentarfotografie. 2015 begleitete Wagner die erste Aktion von Ende-Gelände und war seitdem bei allen größeren Massenaktionen der Bewegung dabei, wie sie Braunkohletagebaue im Rheinland oder in der Lausitz besetzten. So kam er 2018 auch in den Hambacher Forst, wo Portraits der dort lebenden Menschen und eine Langzeit-Dokumentation der Baumhäuser entstanden. Diese Fotos waren auf den Solidaritäts-Postern „Hambi  bleibt!“ zu sehen, welche sich großer Beliebtheit erfreuten. Als Titel tragen sie das Zitat einer Baumbewohnerin: „Die Freiheit, die wir jetzt kennen, kann uns niemand mehr nehmen.“

 

Mathias Jung
Matthias Jung

LAYOUT

Die Arbeit von Matthias Jung zeigt Einblicke in Archive und gefundene Objekte, die im Zuge des Abbaggerns und Umsiedelns (übrig)geblieben sind. Objekte, die von Archäologen entdeckt und erfasst wurden, und uns erahnen lassen wie lange es im rheinischen Kohlerevier um die Tagebaue Hambach und Garzweiler Siedlungen und die damit verbundenen Biografien gegeben hat. Die Arbeit zeigt aber auch zeitgenössische Objekte, die im Sinne einer Rettung vor dem Verschwinden aufbewahrt wurden. Die Orte / Dörfer gibt es mittlerweile nicht mehr. Was bleibt, wenn Orte verschwinden? Was kommt? Die Arbeit beansprucht keine Bestandsaufnahme, sie dokumentiert im Stile der Objektfotografie Epochen menschlichen Lebens, welches zugunsten der Kohleförderung weichen musste. Matthias Jung lebt und arbeitet im Umland des rheinischen Kohlereviers und dokumentiert in verschiedenen Werkreihen das Leben dort.


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